Alpenüberquerung E5 im Aug 2020

von Joseph Beuys

Tag 0 – 12.08. – Anfahrt und Übernachtung Oberstdorf

Als Einstimmung auf die bevorstehende Wanderung gehe ich die knapp 2 km zum Bahnhof zu Fuß, mit dem 8,5 kg schweren Rucksack. 9:37 Uhr fährt mein Zug. Das ist eine entspannte Zeit zu Reisen, also bin ich ohne Hektik pünktlich vor Ort. Die Wagen sind nur wenig besetzt und angenehm kühl. Auch das Umsteigen in Nürnberg klappt pünktlich und entspannt. Erst im Zug nach Oberstdorf gibt es etwas Verwirrung; am Fahrtrichtungsanzeiger steht, ein Teil fährt nach Lindau, der andere nach Oberstdorf. Aber welcher ist welcher?,Die Angaben drinnen und draußen sind gegensätzlich, so dass auch andere Mitreisende orientierungslos schauen. Wir hoffen auf das Zugbegleitpersonal; bis zum Bahnhof der Zugteilung (Immenstadt) ist noch Zeit. Letztendlich erweist sich, wir sind richtig und kurz nach 16 Uhr sind wir am Ziel.

Als Unterkunft habe ich mir etwas in Bahnhofsnähe gesucht und das ist schnell gefunden. Es ist ein toll eingerichtetes Hotel, so ein bisschen Jagdhausstil, aber ohne tote Tiere. Nach dem Einchecken und einem kleinen Snack mache ich mich zu einem Spaziergang auf. Ich brauche Bewegung nach der langen Bahnfahrt.

Oberstdorf hat sich in den letzten 8 Jahren nicht verändert. Alles kommt mir bekannt vor. Ich finde meine damalige Pension am Hang gegenüber der Skischanze wieder. Die Aussicht von dort über Tal und Ort mit den Bergen drumherum ist immer noch umwerfend schön.

Als die Sonne sich verabschiedet wird die Luft kühler. Am Kurhaus spielt eine Trachtenkapelle unter anderem Melodien von Udo Jürgens. Und dieser Duft von frischer Landluft liegt wieder über dem Tal, auch wenn mir dieses Mal keine Kühe in den Straßen begegnen.

Tag 1 – 13.08. – Oberstdorf – Spielmannsau – Aufstieg zur Kemptner Hütte

Ich habe gut geschlafen, da der nächtliche Regen für Frische sorgte. Das Frühstück im Hotel ist vorzüglich. Es gibt frischen Kaffee und Brötchen, Wurst, Käse, Joghurt, Obstsalat, Müsli …
Treff ist um 11:30 Uhr am wilden Männle beim Bahnhof in Oberstdorf. Habe ich mich doch tatsächlich auf dem Weg dorthin noch verlaufen. Das ist jedoch kein Problem; da ich das Hotel um 10:30 verlassen musste. Vom Regen ist nichts mehr zu sehen; jetzt ist es trocken, sonnig und um die 22 Grad. Angenehm zum wandern, denke ich.

Der größte Teil der Gruppe ist bereits vor Ort einschließlich unseres Bergwanderführers Christoph, der mich begrüßt. Und so lerne ich auch gleich Klemens und Bodo, Lissi und Sabine, Angela und Claus sowie Regine und Stefan kennen. Und dann stoßen noch Sabine und Monika dazu. Wir wechseln ein paar Worte, „beschnuppern“ einander sozusagen. Schließlich sind wir uns bisher nie begegnet und werden die nächsten 7 Tage eine Gemeinschaft bilden.

Mit zwei großen Taxis geht es ein Stück raus aus dem Ort und hoch zur Spielmannsau (1.000 Meter). Wir schnappen uns unsere Rucksäcke und wandern los.
Nach einer halben Stunde erreichen wir die Talstation der Materialbahn zur Kemptner Hütte. Wir packen ein bisschen aus, um und ein. Jetzt sind von meinen 8,5 kg vielleicht noch 5 übrig und es beginnt der Aufstieg zur ersten Berghütte unserer Tour. 3,5 Stunden meint Christoph, nach einem Blick in die Runde, vielleicht auch vier. Am Ende schaffen wir die ca. 850 Höhenmeter in 3 Stunden.

Es ist warm in der Sonne – eigentlich waren schwere Gewitter vorhergesagt – und wir laufen im Schatten der Bäume immer weiter hinauf. Neben uns rauscht ein Fluss. Der Weg ist schmal, wir bilden eine lockere Kette. Geredet wird wenig.
Als die Bäume enden wird der Weg steiniger. Von den Felsen neben uns läuft Wasser herunter. Die Spritzer sind erfrischend. Es ist dadurch aber stellenweise sehr rutschig. Gott sei Dank gibt es Seile an den gefährlichsten Stellen. Christoph warnt vor Steinschlag und wir sollen mehr Abstand voneinander halten. Ca. alle dreiviertel Stunde machen wir eine kurze Trinkpause, an einer kleinen Dankeskapelle aus dem 17. Jahrhundert eine viertel Stunde Rast. Ich habe noch keinen Hunger.

Wie man sieht, sind wir trotz des Aufstiegs guter Dinge.

Noch auf Stunden des Wanderns eingestellt, erfahren wir plötzlich, dass wir fast oben sind. Nur noch eine halbe Stunde, dann ist die Hütte erreicht. Hinter der nächsten Biegung ist sie schon hoch über uns zu sehen. Vom Himmel fallen gerade die ersten vereinzelten Tropfen. Noch ein Stück hinauf, ein Bächlein überquert, und wir sind da (1.846 Meter).

 

Bergschuhe aus, Hüttenschuhe an, Verteilung der Zimmer und kurze Info zur Essenszeit. Sabine, Monika, Lissi, Sabine und ich, wir betreten gerade unser Zimmer, als die Dunkelheit draußen auffällt. Es gießt wie aus Kannen, blitzt und donnert. Wir können unser Glück bezüglich des Wetters kaum fassen. Alle Wanderer, die jetzt noch kommen, sind völlig durchgeweicht. Ich ergattere das obere Bett am Fenster. Bis zum nächsten Zusammenkommen mit allen haben wir ca. 2 Stunden Zeit um auszuruhen.
Zum Abendessen gibt es eine Vorsuppe, Salat, Rinderfilet mit Spätzle und Bayrisch Creme. Eigentlich viel zu viel, aber sehr lecker.
Nach dem Essen scheint draußen wieder die Sonne, und wir – gemütlich bei Bier und anderen Getränken in der Gaststube sitzend – genießen die Aussicht und Ansicht eines wunderschönen Regenbogen.
Gegen neun heißt es Schlafenszeit, denn die Nacht endet um fünf.

Tag 2 – 14.08. – Aufstieg Mädelejoch – Abstieg Holzgau – Aufstieg Kaiserjochhaus

Ein Handy tutet, doch niemand reagiert. Will das Ding nicht mal endlich jemand ausschalten? Wir krabbeln aus unseren Betten; wirklich gut geschlafen hat wohl keiner. Mir war es zu warm und das Bett zu kurz.

Eine Katzenwäsche muss reichen, dann runter zum Frühstück. Der Raum ist recht voll und laut; das Angebot reichlich und lecker. Frischer Kaffee weckt die Lebensgeister, Brötchen und Müsli stärken für die kommenden Herausforderungen.

Gegen sieben ziehen wir los. Sind wir am Vortag von Norden her zur Hütte herauf gekommen, so steigen wir heute nach einem kurzen Aufstieg zum Mädelejoch (Grenze Bayern – Tirol, 1.973 Meter) Richtung Süden wieder hinab. Ich wollte eigentlich ohne Stöcke gehen – ich habe noch nie welche benutzt – aber alle haben welche und auch Christoph ist ein ziemlicher Fan. Irgendwann nehme ich einen von Sabine an; vielleicht auch um Ruhe zu haben und um die anderen nicht aufzuhalten. Denn ich bin langsamer ohne; das habe ich bemerkt.

Die Tour ist schön, mal mehr mal weniger schwierig. Wir klettern über Felsen, waten durch kleine Rinnsale, stiefeln auch über glitschige und modrige Stellen.

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Auf einmal ist von einer Hängebrücke die Rede, die weit unten in Sicht kommt. Mir wird ganz flau im Magen, denn es heißt, dort wollen wir hinüber.
An einem Scheideweg dann an alle die Frage: Hängebrücke oder Tal. Alle wollen über die Brücke. Was habe ich da für eine Wahl?
Dank Stefans grünem Rucksack-Überzug, dem ich mit voller Konzentration folge, schaffe ich die 200 Meter auf die andere Seite. Ich hoffe inständig, es ist die einzige Brücke dieser Art auf der Tour.

Ein paar für mich schwierige Stellen kommen noch beim Abstieg (am Fels befestigte Holzplanken mit Drahtgitter bespannt und dann auch noch schräg). Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Gasthaus Bären wo wir Mittag machen. Der Wirt hier will mir sogar einen Wanderstock schenken, der sich aber als kaputt erweist. Er findet einen weiteren, und diesen kaufe ich ihm für 5 Euro ab. Der Stock ist in Ordnung und es steht Oberstdorf drauf. Ich habe jetzt nicht nur einen Wanderstab sondern auch ein schönes Andenken.

Nach einem deftigen aber nicht zu üppigem Mahl machen wir uns wieder auf die Socken bzw auf den Weg. Jetzt geht’s entlang einem Wasserlauf ebenerdig weiter. Auch mal ganz nett. Neben uns in der Wiese pfeifen die Murmeltiere, wie um sich Bescheid zu geben, dass wir kommen.

Bildherkunft: Wikipedia

Nach durchqueren des Wassers liegt wieder ein Aufstieg vor uns. 600 Höhenmeter sind zu bewältigen, und diese haben es in sich, nicht allzu schwierig aber langwierig und steil. Irgendwann taucht über uns die Hütte auf und dann sind wir am Kaiserjochhaus auf 2.310 Meter Höhe. Puh, geschafft. Alle wirken erleichtert.

Wir bekommen das Zimmer Malatschkopf. Für diese Nacht müssen wir uns alle 11 Wanderfreunde einen Raum teilen. Die Betten sind direkt nebeneinander bis auf meins, denn ich nehme das Hochbett und habe damit sogar zwei Liegeflächen.
Zum Abendbrot gibt’s wieder vier Gänge. Unglaublich, was auf diesen Hütten an Gastronomie möglich ist. Und das Kaiserjochhaus kann nur aus der Luft ver- und entsorgt werden … oder per pedes.
Auch heute ist wieder gegen 21 Uhr sense. Die Tage zum wandern in den Bergen beginnen früh.

Tag 3 – 15.08. – Bergli oder Malatschkopf – Abstieg nach Pettneu – Fahrt nach Zams

An diesem Morgen wird das Bergli mit Monika, Angela und Claus erklommen, vielleicht 2.360 Meter hoch. Die anderen kraxeln auf den Malatschkopf. Anfangs können wir sie sehen, dann steigt dichter Nebel von unten auf und verschluckt alles.

Bitte zoomen!

   

Der Abstieg zur Nessleralm ist erst sehr steil und führt dann durch den Wald. An einem kleinen Schutzhäuschen machen wir Rast.

An der Gaststätte spielen Kinder. Das Wetter ist so schön, das wir draußen sitzen können. Ich gönne mir einen Wurstsalat, weil der so gut aussieht. Dann teilen wir uns in zwei Gruppen auf. Ich nehme mit Angela, Claus, Regine und Stefan den Forstweg, die anderen den Wanderweg. Angela hat leider Knieprobleme bekommen.

An der Kirche in Pettneu treffen wir uns wieder und nehmen alle zusammen den Bus (15:17 Uhr) zum Bahnhof Landau-Zams. Dann noch drei Stationen bis Zams Zentrum und wir stehen nach dem Aussteigen vor unserem Gasthaus Hotel garni Gemse. Als Begrüßung gibt es einen Schnaps.

Nach zwei Nächten auf Berghütten erscheint uns dieses hübsche Gasthaus als das Paradies. Schuhe aus, Stöcke in die Ecke, Zimmer verteilt – ich habe ein Einzelzimmer – und ab unter die Dusche. Ich glaube, wir alle tun das. Bis es Abendessen gibt, sind es noch ca. 2 Stunden. Heute ist Sonnabend und die Geschäfte geschlossen. Die Zeit bis zum Abendessen vergeht wahnsinnig schnell; und wir sitzen an einer langen Tafel wo uns Kürbiskernsuppe serviert wird. Diese sieht lecker aus und schmeckt auch so. Als Hauptgang gibt es Schnitzel nach Wiener Art. Es ist wie erwartet ein tellergroßer Flatschen mit ein paar Pommes. Einige von uns schaffen das natürlich nicht. Als Nachtisch gibt es Eis.

Als wir so satt und zufrieden am Tisch sitzen, steht Claus plötzlich auf und bittet um Aufmerksamkeit. Nanu, was kommt denn jetzt, eine Rede? Doch es ist eine traurige Nachricht, die Claus zu verkünden hat. Er und Angela werden die Truppe vorübergehend verlassen und nach Meran vorfahren. Beide haben lange überlegt, wären so gern mit uns gekommen, aber Angelas Knieprobleme sind schlimmer geworden und auch Claus ist sich nicht sicher ob er als fast 70jähriger die Tour schaffen kann. Von Zams kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln ganz gut weg. Wir sind traurig, dass die beiden uns verlassen.
Ein ganz ganz kleines bisschen beneide ich die zwei aber auch.
In der Gaststätte ist es nicht so urig wie auf einer Berghütte aber auch nicht so laut.
Irgendwann verabschiedet sich einer nach dem anderen und zieht sich zurück.
Heute werde ich wunderbar schlafen.

 

Tag 4 – 16.08. – Fahrt durch das Inntal bis Mittelberg – Aufstieg zur Braunschweiger Hütte

Den Wecker habe ich zu 6 Uhr gestellt, doch ich bin lange vorher wach und gehe hinaus auf den Balkon. Die Aussicht ist wunderschön. Frühstück mit allem was das Herz begehrt gibt es ab 7 Uhr, und heute haben wir gleich zwei Geburtstagskinder in der Gruppe (Sabine und Bodo), denen wir die besten Wünsche mit auf den Weg geben. Jeder bekommt einen kleinen Kuchen und eine Glückwunschkarte von uns überreicht.

Um 9 Uhr ist Abfahrt mit Andys Großraumtaxi nach Mittelberg. Eine halbstündige Wanderung bringt uns zum Gasthaus bei der Materialseilbahn, wo alle sich noch für die bevorstehende Etappe stärken. Mit leichtem Gepäck brechen wir um 12 Uhr auf. Bis wir gegen 16 Uhr die Braunschweiger Hütte erreichen, erleben wir einen Aufstieg von dem wir alle begeistert sind.

Erst geht es nur langsam längst eines Wildwassers hinauf bis Christoph uns heißt die Stöcke einzupacken. Einige murren ein wenig, tun aber was er sagt. Der Weg wird jetzt so steil und halsbrecherisch, dass man Hände und Füße und volle Konzentration braucht.
Ich ziehe mich an Stahlseilen hinauf, krabbele auf allen vieren; manchmal sind da Felsvorsprünge zum festhalten und hochziehen, dann wieder Seile. Gott sei dank ist der Rucksack heute nicht so schwer.

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Irgendwann wird es wieder einfacher und wir haben einen grandiosen Blick auf den Gletscher bzw dem was davon noch übrig ist. Es ist trotzdem ein überwältigender Anblick. Wasser schießt aus einer Höhle am Fuß der riesigen Eismasse. Noch weiter oben, schon fast auf der Hütte, ist ein zweiter Gletscher zu sehen, noch gewaltiger als der erste.

Die Braunschweiger Hütte wurde vor wenigen Jahren renoviert und alles ist vom feinsten. Es gibt sogar warmes (!) Wasser. Als wir unsere 2 Zimmer – ich kann wieder ein Hochbett und damit zwei Liegeflächen belegen – bezogen und uns frisch gemacht haben, begeben wir uns zur Gaststube. Für uns ist eine gemütliche Ecke mit Kachelofen (leider kalt) reserviert. Nacheinander kommen Pilzsuppe, Alpengyros (gebratener Speck) mit sauer eingelegtem Gemüse, Pellkartoffeln und Quark sowie als Nachtisch ein fruchtig sahniges Kuchenstückchen auf den Tisch; und weil es zwei Geburtstagskinder gibt, gibt es zur Feier des Tages Schnaps. Der Enzian schmeckt aber irgendwie nach Medizin.

Die Stimmung wird immer ausgelassener und Lektionen im schwäbischen bringen die Stimmung ganz schön zum sieden. Ich werde wohl mein Lebtag nicht mehr vergessen, was Schnäbberle bedeutet.

 

Tag 5 – 17.08. – Kletterpartie im Regen – Seilbahn – Abstieg und Busfahrt nach Vent

Mein Handy düdelt um viertel nach 5 Uhr. Auch diese Hüttennacht ist zu Ende. Ab 6 Uhr steht wieder ein reichhaltiges Frühstück zur Stärkung bereit. Kurz nach sieben Uhr versammeln wir uns voller Tatendrang und neugierig auf die nächste Etappe. Es regnet leicht.

Vor uns liegt ein steiler Aufstieg auf 3.000 Meter mit Passagen mit Seilen und Kletterei in den Felsen, die durch den Regen jetzt rutschig sind. Und in Sichtweite immer die Gletscherwelt der Ötztaler Alpen.

Völlig durchweicht und einige von uns frierend erreichen wir die im Nebel liegende  „Schwarze Schneidbahn“ auf 2.993 Metern. Die Entscheidung zwischen Laufen oder Fahren fällt leicht. Es regnet immer noch und wir nehmen die Bahn. Den zum Skifahren genutzten Rettenbachferner sehen wir so natürlich nur von oben. Die von Christoph versprochene Rutschpartie auf dem Gletscher wäre wohl heute nicht wirklich ein Spaß.

Ankunft 400 Meter tiefer. Wir kehren für warme Getränke oder eine Suppe beim Selbstbedienungsrestaurant an der Talstation der Gondelbahn ein. Es ist noch nicht Mittag und es regnet immer noch. Frank aus Berlin hat Info, dass das Wetter im Laufe des Tages besser wird, und er hat einen Kleinbus. Wir können unsere Rucksäcke an ihn übergeben, er wird sie zu unserem heutigen Domizil bringen. Uns durchnässte Wanderer fährt er ein gutes Stück dem Tal entgegen.

Es folgt eine 2stündige schöne Wanderung durch Wald und Wiesen zu Tal mit längerer Mittagspause auf der Löple Alm. Irgendwann erreichen wir die Straße. Bis der Bus kommt, der uns nach Vent zum Hotel bringt, lungern wir einfach an der Haltestelle rum und warten.

 

Nachdem wir im Hotel eingecheckt haben, sind noch 3,5 Stunden Zeit bis das Abendessen serviert wird. Ich erkunde ein wenig den Ort und finde einen kleinen Dorfladen, in dem Wanderstiefel neben frischen Wurstwaren angeboten werden. Hier treffe ich auch Monika und Sabine. Beim nächsten Regenguss haben wir die kleine hübsche Kirche erreicht, die eine Weile Schutz bietet. Auf dem Rückweg zum Hotel besuche ich noch die kleine Bergsteigerkapelle. Ich hinterlasse im Gästebuch eine kurze Notiz.

Das Abendessen besteht aus Graupensuppe, Rehgulasch und einem Eisbecher.
Und hier bekomme ich auch endlich mal Dunkles Bier. Nun ja, es ist schließlich ein Vier-Sterne-Hotel. Zum Anstoßen gibt Klemens einen Schnaps aus – sein Sohn hat Geburtstag. Ich nehme dieses Mal Himbeere, und der ist richtig lecker.
Nachtruhe heute gegen 22 Uhr.

 

Tag 6 – 18.08. – Kunst in den Bergen – eine Hängebrücke – Aufstieg  zum Hochjoch-Hospiz (2.413 Meter)

Ich erwache nach einer angenehmen Nacht, mache mich fertig und gehe zum Frühstück ins Haus auf der anderen Straßenseite. Es sieht schon wieder nach Regen aus. Was macht’s, man kann sich entsprechend kleiden.

Wir verlassen die kleine Bergsteigersiedlung Richtung Süden. Christoph hat für den Vormittag so etwas wie einen Spaziergang versprochen mit Kunst und archäologischen Funden; und tatsächlich stoßen wir kurz hinter Vent auf verschiedenartige Skulpturen und Ausgrabungen aus uralten Zeiten. Eines der Kunstwerke heißt „Grumpf“. Toller Name, leider habe ich kein Foto.

An den archäologischen Ausgrabungsstätten fachsimpeln wir über was, wann, wie und wo in der Menschheitsgeschichte stattfand. Regine weiß ganz viel darüber. Ein kleiner Hügel lässt sich gut als Versammlungsort der Leute aus Ötzis Zeit vorstellen.

Der dann folgende Aufstieg ist eher gemütlich im Vergleich zu dem, was wir bereits bezwungen haben. Wir kommen an Tafeln vorbei mit Geschichten von Zwergen, Riesen und guten Waldfeen, die wir einander laut vorlesen.

Ein Hinweisschild lässt mich Schlimmes ahnen. Da kommt schon wieder so eine vermaledeite Hängebrücke. Gut, denke ich, es hat schon einmal geklappt. Laufe ich einfach wieder Stefans grünem Rucksack-Überzug hinterher. Doch oh Graus, diesmal funktioniert es nicht. Wir versuchen das eine oder andere. Ideen gibt es einige: Augen zu und drüber – hä?, rückwärts gehen – nee, Singen – einen Versuch wert, aber ohne Erfolg, einen anderen Weg suchen – keine Option. Ich bin der Verzweiflung nahe. Wieso kann ich nicht einfach über diese verfluchte Brücke gehen wie alle anderen auch? Letztendlich gelingt es Lissi mich über die Schwelle und damit über die Brücke zu locken. Oh danke dir Lissi. Auf der anderen Seite angekommen, verspreche ich allen zum Trost für die Wartezeit einen Schnaps auf der Hütten.

Lissi hat den Tag gerettet. Vielleicht hilft die Erinnerung für künftige Hängebrücken

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorbei an grandiosen Ausblicken auf naheliegende Gletscher und die auch sonst überwältigende Landschaft erreichen wir am frühen Nachmittag das Hochjoch-Hospiz. Kühl ist es hier oben. Der Regen hat zwischenzeitlich aufgehört.

 

Da es noch so früh am Tage ist, besteht die Chance für eine kleine Wanderung in die nähere Umgebung. Ich schließe mich an, wir sind zu viert: Sabine, Klemens, ich und natürlich unser Bergwanderführer. Für einen Aufstieg bis zur mittleren Guslarspitze reicht die Zeit leider nicht. Wir kommen trotzdem ziemlich weit hinauf und genießen die Aussicht auf den naheliegenden Kesselwandferner. Auch Klemens, trotz seines Handicaps. Er hat in einer der ersten Hütten seine Brille verloren und sieht die Welt seit Tagen abgedunkelt.

Als wir zurück kehren, warten Bodo und Monika auf uns, eingemummelt in ihre Schlafsäcke. Sie haben inzwischen das Original dieser Hütte kennengelernt, den Azubi Franz. Obwohl erst 16 Jahre alt, ist er mit Leib und Seele Hüttenwirt. Immer einen flotten Spruch auf den Lippen, die Gäste zum Trinken animierend.

Für das Abendessen steht uns ein eigener Raum in der Gaststube zur Verfügung, wo wir uns Suppe, Salat, Hauptgericht und Nachspeise schmecken lassen. Ich spendiere den versprochenen Schnaps und entscheide selbst für Zirbe. Sein harziger Geschmack sagt mir sehr zu.

Obwohl ich mir mehrmals den Kopf an den Balken stoße, finde ich unseren Schlafraum unterm Dach – den wir uns alle Mann und Frau teilen müssen – irgendwie gemütlich.

 

Tag 7 – 19.08. – Schöne Aussicht – ein langer steiler Abstieg – zurück in der Zivilisation

Das frühe Aufstehen macht mir nichts mehr aus. Schnell fertigmachen und das meiste schon wieder im Rucksack verstauen. Um 6 Uhr gibt es Frühstück. Ein kurzes vor die Tür treten verrät, es ist sehr kalt (ca. 6 °C). Die Bergspitzen über uns sind leicht weißlich bestäubt. Dort oben hat es geschneit in der Nacht.

Nur wenige Minuten nach sieben sind wir bereit. Wo bleibt denn unser Anführer? Wir wollen wandern. Der Weg führt langsam aufwärts. Linker Hand und voraus sehen wir die wilden Wasser, die von den Gletschern kommen. Hier und da hat sich alter Schnee erhalten. Eine Brücke gibt es auch nochmal, eher unproblematisch. Um uns herum erstreckt sich die karge Schönheit der Berge auf über 2.500 Metern. Langsam und stetig immer weiter hinauf wandern wir entlang eines Bachlaufs. Ich darf sogar ein Stück die Gruppe anführen. Wir überqueren die Grenze Österreich – Italien.

Unser Zwischenziel heißt Bella Vista (Schöne Aussicht), ein hübsches Rifugio auf 2.845 Metern. Hier machen wir Mittagspause bevor der lange steile Abstieg ins Schnalstal, einem Seitental des Vinschgau, beginnt. Jetzt kommen uns viele Wanderer entgegen, die vermutlich einen Tagesausflug machen. Ein freundliches Buon Giorno oder einfach nur Salve lässt annehmen, es sind Italiener.

Immer weiter hinab geht es; weit unter uns können wir schon das Tal sehen. Und es wird immer wärmer. Die Sonne brennt und als wir den ersten Baum erreichen, begrüßen wir ihn mit Freude. Endlich Schatten! Unsere wärmenden Jacken haben wir längst abgelegt. Die Knie fangen an zu schmerzen und auch die Füße möchten nicht mehr bergab gehen als wir es endlich geschafft haben. Wir haben die knapp 1.000 Höhenmeter in etwas mehr als 2 Stunden bezwungen.

Am Parkplatz wartet unser Bus, der uns nach Algund, einem Vorort von Meran bringt. Aus den Fenstern können wir die Landschaft, längs der Straße erstrecken sich Apfelplantagen, und das ungewöhnliche blau des Vernagt-Stausee bewundern. Am Gasthof zum Hirschen angekommen, erwarten uns Temperaturen von 36 °C, ein Unterschied von 30 °C zum Start am frühen Morgen.

Man bittet uns erstmal hinein und etwas zu trinken an. Offenbar sind die Zimmer noch nicht fertig. Beim späteren Verteilen dieser gibt es einige Irritationen. Eine weitere Gruppe ist mit uns zusammen angekommen. Da wurde gemischt, was unter den aktuellen Umständen gar nicht sein darf und auch sonst nicht sein sollte. Nach dem Duschen und Umziehen wandere ich mit Lissi noch durch die Straßen der kleinen Ortschaft. Wir gönnen uns ein großes Eis, und später kann Lissi mich noch von einem Bad im Pool des Gasthof überzeugen. Meine Füße schreien Hurra, als sie das kühle Nass spüren.

 

Um 19:30 Uhr gibt es noch einmal ein üppiges Abendmahl, und im Anschluss werden Werbebroschüren, der Alpenpass und nette Worte zum Abschluss der Tour verteilt. Wir sitzen bei Bier und Wein gemütlich beieinander und lassen die vergangenen Tage Revue passieren. Morgen heißt es Abschied nehmen.

Tag 8 – 20.08. – Heimfahrt

Nach dem Frühstück ist Abfahrt um 8:00 Uhr. Wir verstauen unsere Rucksäcke im Gepäckfach des Busses, der uns in ca. 7 Stunden zurück nach Oberstdorf bringen wird. Unterwegs sichten wir die erhaltenen Unterlagen (die angebotene Anschlusstouren klingen auch ganz interessant) und kommunizieren mit den anderen oder den Lieben daheim. In Zams machen wir am Hotel Gemse kurz Rast, um den dort gelassenen unnötigen Balast wieder einzusammeln.

Ohne Stau oder andere Unannehmlichkeiten kommt der Bus schon vor der geplanten Zeit in Oberstdorf an. Unsere Wege beginnen sich zu trennen und wir sagen Auf Wiedersehen. War unser Weg die letzten Tage der gleiche, so ist er jetzt ganz verschieden. Es geht nach Karlsruhe und ins Münsterland, nach Pforzheim und Vöhringen und Stuttgard und … leider weiß ich nicht mehr alle Orte, auf jeden Fall Schwabenland. Und unser Bergwanderführer wird schon am Folgetag zu einer weiteren Alpenüberquerung aufbrechen.

Am Ende sind nur noch Sabine, Lissi und ich übrig. Die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges verbringen wir bei Eiskaffee in einem Cafe nahe des Bahnhofs. Um 14:42 Uhr steigen wir in die Bahn Richtung Ulm. Sabine wird einen späteren Zug nehmen. Als Lissi aussteigt, sehe ich, wie sie herzlich am Bahnhof begrüßt wird. Wir winken einander zum Abschied. Ich habe noch einige Stunden Fahrt vor mir. In Ulm, es ist heiß und stickig, steige ich in den Zug nach Erfurt. Irgendwo auf der Strecke bleibt der Zug stehen (ein Problem in den Gleisen, heißt es) und bringt damit meine ganze Planung durcheinander. Eigentlich hätte ich von Erfurt guten Anschluss gehabt und wäre um 0:40 Uhr zu Hause gewesen. Um nicht irgendwo des Nachts hängen zu bleiben, steige ich schon in Fulda um und brauche so eine Stunde länger. Auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause ist der Rucksack jetzt schwer und meine Schritte alles andere als beschwingt.

Eigentlich bin ich nach jedem Urlaub immer gern wieder zu Hause, doch diesmal nicht. Die Tour war viel zu kurz; und mit der Sehnsucht nach dem Wandern in den Bergen werde ich jetzt leben müssen. Das schreit nach einer Wiederholung eines solchen Abenteuers.

 

Ein großes Dankeschön an unseren Bergwanderführer, der uns mit sicherem Schritt voran ging und Wege zeigte, die wir allein wohl nicht gehen würden. Wir hätten sicher auch ganz viel über Kalkalpen, Urgestein und rostende Felsen lernen können, wenn wir mehr Ohr gewesen wären. Aber die süßen Früchte am Wegesrand waren sehr lecker. Good Job, Christoph. Gehen wir wieder ein paar Meter …? Vielleicht auf La Reunion.

 

 

Danke auch an die Bergschule Oberallgäu
für die gelungene Organisation.

Und ein ganz besonderer Dank geht an alle die dabei waren, denn nur durch uns war diese unsere Tour möglich. Danke auch, dass ich eure Fotos verwenden durfte. Bis wir uns wiedersehen …

Impressionen:

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