Schaffhausen im August 2019

Freitag, 09. August 2019

Ich bin endlich angekommen. Es ist 17:42 Uhr.

Um 7:56 Uhr hat mein Zug den Bahnhof in Berlin Richtung Schweiz verlassen. Ich habe einen halbwegs guten Platz. Es ist voll, fast alle Sitze sind reserviert. Meiner aber erst ab Freiburg. Wir rasen durch die Landschaft, vorbei an Orten wie Wolfsburg, Braunschweig, Kassel. Ich verbringen die Zeit mit Lesen, Essen, Surfen. Es gibt kostenfreies WLAN.

Ankunft in Basel Bad Bf (der deutsche Bahnhof) ist 15:37 Uhr. Hitze und Schwüle empfangen mich. Eigentlich will ich 15:42 Uhr weiter, schaffe es aber nicht. Also hole ich mir einen Kaffee und schlucke erstmal, als ich den Preis höre. 3,60 €. Willkommen in der Schweiz.

Am Exchange Schalter tausche ich meine Euros gegen Schweizer Franken. Der Wert ist fast gleich (100 € = 102 CHF).

Eine Stunde später als geplant geht’s weiter. Das seltsame, der Zug fährt nach Schaffhausen, was aber nirgendwo dransteht. Ich verpasse fast den Ausstieg, da die Anzeige einen anderen Bahnhof nennt. Doch die Schweizer sind ein freundliches Völkchen, sagen mir, ich bin am Ziel.

Meine Unterkunft, ein Backpacker-Hostel, ist mit Google Maps schnell gefunden. Es liegt nur ca 100 Meter vom Rhein entfernt und 12 Gehminuten vom Bahnhof.

Das Zimmer ist wie erwartet, klein aber fein, enthält alles notwendige. Bad mit Dusche und WC muss ich mir mit den anderen 3 Zimmern auf der Etage teilen.

An der Rezeption erhalte ich einen Stadtplan und gehe los. Hunger und Durst treiben mich durch die Stadt, doch die Preise schockieren, selbst in einem Spar Markt.

Die Stadt ist voller Musik. Es findet gerade ein Event namens Stars in Town statt. Ein paar Stars waren wohl wirklich da, aber nicht heute. Fettes Brot wäre vielleicht als ausreichend bekannt zu nennen. Eigentlich spielt das jedoch keine Rolle. Es ist warm (sehr warm), die Sonne scheint, die Leute sind in Feierlaune.

Letztendlich hole ich mir doch Döner für 9,50 CHF und im Spar etwas für’s Frühstück und Getränke für den Abend. Später sitze ich noch am Fluss, lausche der Musik und beobachte ein grosses bunt beleuchtetes Schiff. Es wird mit Trommelwirbel an der Anlegestelle empfangen. Als Abschiedsgeschenk erhalten die Mitgereisten eine kleine gelbe Gummiente.

Zum Schreiben habe ich heute nicht mehr genug Energie und mache daher nur ein paar Stichpunkte. Halb zwölf falle ich total müde ins Bett.

Samstag, 10. August 2019

Kurz nach 8 Uhr werde ich wach. Ein Geräusch hat mich geweckt, ein stetiges Prasseln. Die Wettervorhersage hat nicht gelogen, es regnet. Ich stehe trotzdem auf, gönne mir ein kleines Frühstück mit Joghurt und Schweizer Küchli, bevor ich mir Kaffee hole. Dann mache ich es mir bequem und schreibe den Vortag.

Gegen Mittag soll es aufklaren, ich bin eher fertig und gehe runter. Mein Zimmerchen liegt im 1. Stock. An der Rezeption erzählt man mir, heute ist Markt im Städtli, und bei Regen empfiehlt sich ein Besuch des Klosters, was ich auch tue.

Die Klosteranlage ist nur 5 min entfernt und passend zum Ort eher klein. Es gibt einen Kreuzgang und etwas über die Geschichte zu lesen. Da ist auch ein Museum, doch ich entscheide mich für den Markt. In den Straßen der ganzen Stadt sind Stände aufgebaut, an denen mehr oder weniger regionales Obst und Gemüse angeboten werden. Ich lasse mir eine Bratwurst schmecken. Keine Ahnung ob ich so armselig aussah; ich habe sie für 2 Franken weniger bekommen als dransteht.

Frisch gestärkt mache ich mich auf zum Wahrzeichen der Stadt, der Burg Munot. Hoch oben auf dem Berg gelegen, bietet die Festung einen schönen Blick auf Schaffhausen und den Rhein. Im Burggraben dreht ein einzelner Damhirsch seine Runden. Armes Tier, so ganz allein. Endlich reißt die Wolkendecke auf, die ersten blauen Flecken sind am Himmel zu sehen. Als ich wieder unten bin, kommt endlich die Sonne raus. Ich kehre in mein Domizil zurück, hänge die Jacke an einen Haken und tausche lange gegen kurze Hosen.

Den Wanderweg zum Rheinfall finde ich nicht sofort. Die Wegweiser sind irgendwie verwirrend, aber ich brauche doch nur der Strömung des Flusses folgen. Der Wasserfall liegt stromabwärts.

Grüezi sagen die Leute auf dem Wanderweg wenn sie an mir vorüber gehen. Es wandert sich gut hier. Die Weintrauben sind jetzt im August natürlich noch nicht reif, dafür aber die Brombeeren, die am Rheinufer wachsen. Ich mache öfter halt um ein paar zu naschen, doch nach eineinhalb Stunden höre ich das große Rauschen. Hinter der nächsten Biegung muss etwas gewaltiges sein.

Das Rauschen ist da, doch ich sehe nichts außer aufsteigender Gischt. Ein paar Stromschnellen sind im Fluss, eine Eisenbahnbrücke und immer wieder Hinweisschilder „Rheinfall“, in fast alle Richtungen. Wo isser denn nu?

Achso, ich bin am rechten Flussufer, weil der Wanderweg auf der anderen Seite wegen eines Erdrutsch unpassierbar ist. Auf der Eisenbahnbrücke werde ich von einem von hinten heranbrausenden Zug fast in die gurgelnden Fluten geweht. Von Burg Laufen kann ich den Wasserfall dann auch endlich in ganzer Pracht und Schönheit sehen. Ein beeindruckendes Naturschauspiel.

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Nachdem ich alle Aussichtspunkte erkundet habe, wechsele ich wieder die Rheinseite, um auch dort alles zu erkunden einschließlich Eisstand und Souvenirshop. Gegen 17:30 Uhr entscheide ich mich doch für eine 30 minütige Bootsfahrt. Das Licht ist so faszinierend. Wer weiß wie’s morgen ist. Der Kapitän weiß viel über den Rhein, allerdings nicht, wo Stralsund liegt. Ein Landsmann mit starkem schweizer Dialekt muss aushelfen. Als krönenden Abschluss der Tour fahren wir ganz nah an den Wasserfall heran, so dass man nur noch schäumenden Wasser vor sich sieht, und es ist unglaublich laut.

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Zurück in Schaffhausen ist dort wieder Stars in Town im Gange. Irgendwann nach dem Dunkelwerden bin ich in meiner Unterkunft. Ich schreibe ein wenig und schaue mir nebenbei einen Film mit Meryl Streep an.

Sonntag, 11. August 2019

Es ist schon nach neun, als ich aufwache. Ein Blick nach draußen verrät, das Wetter ist super. Die Wirtin bereitet mir meinen morgendlichen Kaffee und wir machen ein Schwätzli. WLAN ist ausgefallen und mit dem Strom stimmt auch irgendwas nicht – an der Uferpromenade wird gebaut. Eine Stunde später ist wieder alles in Ordnung.

Auch heute wandere ich wieder Richtung Rheinfall, doch diesmal nicht am Ufer entlang, da dort wegen des Schaffhausen Triathlon gesperrt ist. Dann aber schon, bis zum Erdrutsch, wo ich nur landeinwärts weiterkomme. Vorbei geht’s an kleinen Häusern, teilweise durch Wald und Weinreben bis ich nicht mehr sicher bin, in welcher Richtung der Fluss ist. Doch die Sonne scheint, die Temperaturen sind angenehm.

Ein Busfahrer sagt mir, die Richtung stimmt. Nach anderthalb Stunden bin ich wieder dort, wo ich gestern schon war. Doch heute ist es wesentlich voller. Was ein Gewusel und Sprachengewirr. Viele Leute aus Indien oder Pakistan, und viele Italiener. Ich wandere weiter den Fluss hinunter. Die Grenze nach Deutschland ist nicht weit. Doch an einer Brücke springen Kinder viele Meter tief ins Wasser um sich dann mit allen möglichen Schwimmhilfen mit der Strömung treiben zu lassen. Ich hätte ja gern eine Kanutour den Fluss runter gemacht, habe aber bisher keinen Anbieter gesehen.

Inzwischen suche ich eher Schatten als Sonne. Es ist sehr warm geworden und schwül. Die Badestellen sind heute Nachmittag gut besucht und wo immer sich Gelegenheit bietet, springen Mutige mitten in die Strömung und lassen sich treiben. Ich habe leider keine Badesachen dabei.

In Schaffhausen werden die Buden und Stände abgebaut und ich finde sogar die Touristen Information ganz versteckt hinter der halb entfernten Bühne. Leider schon zu. Die ersten Wolken erscheinen, weit im Westen noch, aber ziemlich bedrohlich. Der Wetterbericht hat Gewitter für den Abend angekündigt. Nahe dem Schiffslände bestelle ich mir Nudeln mit Pesto. Zum Glück sitze ich unter einer Markise denn bevor ich fertig bin, fängt an zu schütten. Es blitzt und donnert, und ich habe Sicht auf dem Fluss.

Später kann ich noch ohne nass zu werden einen Abendspaziergang machen. Es ist kühl geworden.

Ich lösche das Licht und stetig rauschender Regen führt mich ins Reich der Träume.

Montag, 12. August 2019

Wie vorhergesagt startet der Tag mit Regen. Ich hole mir meinen Kaffee und mache mich dann ganz entspannt fertig. Ich hatte ja eigentlich über eine Schiffstour den Rhein hinauf nachgedacht, aber irgendwie gefällt mir das Preis-Leistungsverhältnis nicht. Eine geführte Tour durch die Stadt wäre nicht übel. Ich bummle durch die Straßen bis 13:30 Uhr die Tourist-Info öffnet. Dort erfahre ich, dass unter der Woche nichts Richtung Stadtführung stattfindet.

Da es immer weniger regnet, entscheide ich stromauf zu wandern. Die Gegend nennt sich Lindli Promenade und vorbei geht’s an riesigen Mammutbäumen. Am Ufer liegen die typischen Boote, die sich wohl Pontoniere nennen. Nach ca 30 min verlasse ich Schaffhausen und sehe ein gelbes Ortseingangsschild vor mir. Hier ist die Staatsgrenze zur Bundesrepublik Deutschland und die EU Aussengrenze, und man sieht nichts. Büsingen gehört zu Deutschland, es gibt eine Sparkasse und eine Deutsche Post, doch der Ort ist rundum von Schweiz umgeben und die 1.400 Einwohner fühlen sich wohl eher als Schweizer, auch wenn sie Autokennzeichen mit dem D auf blauem Grund mit den Sternen drumrum haben.

Am Rheinufer lasse ich mich nieder und beobachte den hier eher träge fließenden Fluss. An einem Maisfeld klaue ich mir einen Kolben. Sie sind gerade noch so, dass man sie roh essen kann. Weiter geht’s durch Wald, in dem ab und zu kleine Häuschen stehen. Zum Wasser runter führen Treppen, einige echt halsbrecherisch. Auf einer Strecke von vielleicht 5 km begegnen mir gerade mal 2 oder 3 weitere Wanderer. Fahrradfahrer dagegen sind wesentlich mehr unterwegs. Das wäre auch etwas für mich.

Wo der Enklaveerklärweg endet, gibt es ein Lokal das sich teils in Deutschland teils in der Schweiz befindet. Ich wandere weiter, komme an einem Bauernhof vorbei und an Apfel- und Birnenbäumen. Die Früchte sind leider noch nicht reif. Im Stillen hoffe ich auf einen größeren Ort, denn ich würde gern mit dem Bus zurückfahren. Auf der anderen Rheinseite sehe ich etwas, doch es gibt keine Brücke.

Ich drehe um, weil ich vor dem Dunkelwerden in Schaffhausen sein möchte. Bevor ich dort ankomme, macht mich ein Schild neugierig, das sagt: Fähre ins Paradies. Ich finde tatsächlich den Anleger, wo eine große Glocke hängt. Man soll mit dem Klöppel kräftig dagegen schlagen, was ich nach kurzem Zögern tue. Vom anderen Ufer löst sich ein kleines Boot und steuert auf mich zu. Es dauert nur wenige Minuten und ich kann hinein klettern. Im Nu bin ich über den Fluss gebracht und wieder an Land. Hier beginnt ein Wanderweg, der von Paradies über Feuerthalen nach Schaffhausen führt.

Es wird dunkel. Beim Italiener hole ich mir eine Außerhaus-Pizza und setzte mich damit beim Schiffslände ans Wasser. Als Verdauungsspaziergang gehe ich nach dem Munot hinauf, wo der einsame Damhirsch noch immer seine Runden dreht.

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Dienstag, 13. August 2019

Das durch die Gardine fallende Licht verrät mir, die Sonne scheint. Super! Ich möchte mir heute ein Fahrrad leihen. Dusche, Frühstück, Kaffee, gegen 10 Uhr verlasse ich das Haus.

Die Velostation ist beim Bahnhof und schnell gefunden. Dort erfahre ich, ich muss erst zum SBB Schalter. Man muss eine Nummer ziehen, doch es geht schnell. Fast alle Schalter sind besetzt. Meinem Anliegen ist man wohl gesonnen, doch als ich den Preis (35 CHF) höre, bin ich versucht zu fragen, ob ich richtig verstanden wurde. Ich will doch nur ein Fahrrad, kein Auto. Ich miete es dann nur für einen halben Tag.

Obwohl es gerade erst elf Uhr ist, wird mir ein gutes City Rad ausgehändigt. Ich fahre wie empfohlen am Südufer Richtung Osten bis zur Brücke in Diessenhofen. Nach dem Überqueren stehe ich plötzlich an der EU Grenze, welche ich aber nicht überschreite sondern bleibe am Fluss bis Stein am Rhein, wo der Rhein den Bodensee verlässt. Unterwegs überhole ich einen Liniendampfer. Also stromaufwärts ist man mit Fahrrad schneller, in die entgegengesetzte Richtung sieht das wahrscheinlich anders aus.

In Stein am Rhein bewundere ich Eis schleckend die schönen bemalten Häuser der Altstadt, fahre dann noch etwas am Untersee entlang bis ich schon wieder auf die Grenze nach Deutschland stoße, erkennbar nur an zwei Schildern. Der Radweg geht ungehindert weiter. Zurück in Stein a. Rh. wechsele ich dann wieder zur Südseite und fahre bis zur Brücke in Diessenhofen um erneut den Fluss zu überqueren. Hier lasse ich mich für eine längere Rast nieder. Ich habe heute Proviant mitgenommen, damit ich abends nicht so ausgehungert bin. Ich stelle fest, dass ich am Vortag auch schon fast bis zur Brücke gewandert bin. In Büsingen komme ich wieder an Sparkasse und Deutscher Post vorbei. Dort ist übrigens ein Klo.

Rechtzeitig um 19 Uhr bringe ich das Fahrrad zurück zur Velostation, gehe noch einkaufen bei Spar (noch zwei Abende und zweimal Frühstück) und hole mir wieder Döner. Am Munot sind heute – oh Wunder – ganz viele Damhirsche unterwegs, hauptsächlich weibliche und junge Tiere.

Um 9 Uhr läuten die Glocken der Stadt, und ich gehe heim.

Mittwoch, 14.08.2019

Heute ist der letzte Tag und ich lasse es langsam angehen. Meinen Morgenkaffee muss ich mir von der Straße holen. Das Restaurant meiner Wirtsleute hat mittwochs Ruhetag.

Noch einmal wandere ich zum Rheinfall, genieße den Blick von hoch oben.

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Donnerstag, 15.08.2019

Nachdem ich meiner Wirtin Tschüss gesagt habe, verlasse ich um 9:16 Uhr Schaffhausen per Zug, bin eine Stunde später wieder in Basel (Bad Bf), nochmals 8 Stunden später in Berlin, um gegen 21 Uhr in Stralsund – meinem Ziel – anzukommen.

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